Ein etwas anderer Blick auf Geschichte: Prof. Dr. Lucian Hölschers „Virtual History“

3. August 2026 3 Min. Lesezeit

Was ist Geschichte wirklich? Das, was in verschiedenen Epochen als Geschichte interpretiert wird? Das, was geschehen ist? Oder auch das, was hätte geschehen können?

Diese Fragen reflektiert der Historiker Prof. Dr. Lucian Hölscher in seinem Micro Monograph Virtual History. Perspectives on an Expanded Concept of History (2025). Der Begriff der Virtual History beschreibt dabei nicht etwa, wie der Name vermuten lässt, eine Form virtueller Realität – auch wenn eine 3D-Immersion in vergangene Epochen zweifellos reizvoll wäre –, sondern verweist auf jene Möglichkeiten der Vergangenheit, die zwar nicht verwirklicht wurden, jedoch als reale Zukunftserwartungen existierten. Hölscher beschreibt es als alle möglichen Szenarien, die in der Vergangenheit der Geschichte verankert sind und nie ganz verschwinden können. Geschichte erscheint dadurch nicht mehr als linearer Zeitstrahl, sondern als Geflecht unterschiedlicher, potenzieller Entwicklungswege.

Da etabliertes Wissen immer wieder von neuen Entdeckungen überrannt werde, sei das Resultat ein sich ständig aktualisierender Standpunkt des „So ist es tatsächlich passiert“-Seins. Historische Erkenntnis besitze deshalb nur eine begrenzte „Haltbarkeit“: Unterschiedliche Epochen entwerfen unterschiedliche Deutungen derselben historischen Ereignisse.

Vor diesem Hintergrund schlägt Hölscher vor, die Historiografie um zwei Dimensionen zu erweitern: Past Futures, also vergangene Zukunftserwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen, die das Handeln der Menschen prägten, sowie Future Pasts, fiktive Rückblicke aus einer gedachten Zukunft auf unsere Gegenwart, um historische Kontingenz und Handlungsspielräume sichtbar zu machen.

Besonders überzeugend ist die innovative Perspektive, die Hölscher damit auf Geschichte eröffnet. Die Einbeziehung bislang wenig beachteter Quellengattungen wie literarischer Utopien, Träume oder künstlerischer Entwürfe eröffnet neue Perspektiven und neue Zugänge zur historischen Interpretation. Dadurch gelingt es Hölscher, Geschichte nicht ausschließlich als Abfolge von Fakten, sondern als dynamisches Geflecht von Möglichkeiten zu denken: ein anregender Impuls für die geschichtswissenschaftliche Forschung.

Gleichzeitig bleibt es vage, wie genau ermessen werden kann, welche vergangenen Möglichkeiten „realistisch“ genug waren, um in die virtuelle Geschichte aufgenommen zu werden. Die am Ende des Micro Monograph vermerkten Kommentare verweisen vor allem auf diesen Punkt.  Es tut sich vor allem ein erkenntnistheoretisches Dilemma auf: Die Historikerin Britta Hochkirchen gibt in einem Kommentar zu Hölschers Publikation zu bedenken, dass die faktische Geschichte am Ende immer der unvermeidliche Maßstab bleibe. Chris Lorenz ergänzt diese Diskussion mit dem Einwand, dass unbeabsichtigte historische Entwicklungen wie etwa wirtschaftliche oder ökologische Prozesse im Konzept weniger Berücksichtigung finden und die Erweiterung um virtuelle Zukünfte die grundsätzliche Standortgebundenheit historischer Forschung nicht vollständig auflösen könne.

Insgesamt bietet diese Publikation einen spannenden theoretischen Impuls, der die Geschichtswissenschaft aus ihrer Fixierung auf das bloß Faktische lösen möchte. Das Konzept ist auch für Nicht-Historiker*innen spannend, da es Geschichte nicht als starre Faktenfolge, sondern als einen offenen Raum voller menschlicher Träume, Ängste und ungenutzter Möglichkeiten begreift. Andere Forschungsfelder wie Virtual Reality könnten an diesen Ansatz anknüpfen und mögliche Szenarien eines geschichtlichen Ereignisses an unser Geschichtsbewusstsein heranbringen, wodurch das Interesse an Geschichte und das Verständnis bestimmter historischer Erlebnisse langfristig vertieft werden könnte. Zudem lässt sich Hölschers Ansatz auch in allgemeiner Hinsicht auf unsere Gegenwart übertragen: Indem mögliche Zukünfte unserer eigenen Zeit als reale Handlungsoptionen reflektiert werden, könnte ein allumfassender Blick auf gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten und bestehende Handlungsspielräume entstehen. Durch die Verbindung möglicher Vergangenheiten und möglicher Zukünfte kann ein neuer Boden für neue Perspektiven und Handlungen geebnet werden.

Es lässt sich festhalten: Hölschers Publikation Virtual History zeichnet sich durch eine bereichernde Perspektive auf die Geschichte aus – und regt dazu an, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu zu denken.

 

Autorin: Jennifer Nüchter