Perspektiven von Frauen in der Wissenschaft mit PD Dr. phil. habil. Julia Roth
Eine Frau. Eine Publikation. Ein Impact.
Mit unserer neuen Interviewreihe stellen wir zukünftig Autorinnen aus unserem Verlag und ihre Forschung vor. Unser Ziel: Wissenschaftlerinnen und ihre Arbeit sichtbarer machen und ihren Impact stärken. Denn obwohl Frauen die Wissenschaft entscheidend mitprägen, sind sie in vielen Bereichen noch immer unterrepräsentiert. Als Verlag möchten wir dem entgegenwirken und die Perspektiven, Erkenntnisse und Publikationen von Frauen – und vor allem ihren individuellen Impact – in den Fokus rücken.
Für den ersten Beitrag haben wir mit PD Dr. phil. habil. Julia Roth gesprochen. Sie ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Kuratorin und Projektkoordinatorin. Sie war Professorin auf Zeit und Akademische Oberrätin und lehrte Amerikanistik, Interamerican Studies und Gender Studies an der Universität Bielefeld, wo sie auch Direktorin des Centers for Interamerican Studies (CIAS) und PI im Graduiertenkolleg Experiencing Gender war. Derzeit ist sie als Chief of Staff im Intendanzteam am Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin tätig.
Darüber hinaus engagierte sie sich als Mitglied der Zentralen Gleichstellungskommission der Universität Bielefeld, ist aktiv im Rat für Migration und kuratiert seit vielen Jahren interdisziplinäre Formate an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kultur, Kunst und Gesellschaft.
Zusammen mit Alexandra Scheele und Heidemarie Winkel hat sie den Sammelband Global Contestations of Gender Rights (2022) herausgegeben. Die Publikation analysiert die weltweiten Anfechtungen von Geschlechterrechten durch Rechtspopulismus, religiösen Fundamentalismus und neoliberale Strukturen. Im Fokus stehen geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, religiöse Identitätspolitik, koloniale Geschichte und Intersektionalität. Die Beiträge zeigen, dass Geschlechtergerechtigkeit eng mit Demokratie und der Aufarbeitung kolonialer Ungleichheiten verknüpft ist.
Frau Roth, wann haben Sie gemerkt: Das ist mein Thema?
Dass Frauen- und Genderrechte in den Fokus rechter Mobilisierung gerückt sind, ist seit einiger Zeit spürbar. Ich fand es absurd, dass rechte Politiker wie Bolsonaro und Trump sich plötzlich im Kampf gegen „die Gender-Ideologie“ vereinten und damit erfolgreich waren, und ich wollte wissen, welche Funktion diese Dämonisierung von Gender erfüllt. Angeregt durch einen Aufsatz von Birgit Sauer habe ich mich ab 2018 intensiver mit dem Thema beschäftigt und gemeinsam mit Gabriele Dietze erste Veranstaltungen zu Rechtspopulismus und Gender organisiert und dazu publiziert. Gemeinsam mit den Bielefelder Kolleginnen Alexandra Scheele und Heidemarie Winkel haben wir 2020–21 mit einer internationalen Forschungsgruppe am ZiF mit 22 Kolleg*innen aus 12 Ländern zu den transnationalen Dimensionen dieser Mobilisierung gegen „Gender“ und die systematischen Anfechtungen von Rechten geforscht. Der Sammelband trägt die verschiedenen Perspektiven und Ergebnisse zu Kontexten wie der Einschränkung von reproduktiven Rechten als Teil illiberaler Mobilisierung in Ungarn, die Politisierung von Religion in Deutschland und Marokko, oder den Nutzen aber auch die Herausforderungen universeller Normen in globaler Perspektive zusammen. Die analytische Rahmung von uns Herausgeberinnen versucht einen ersten systematischen Blick auf das Phänomen zu eröffnen und untersucht dies anhand von drei paradigmatischen Arenen globaler Anfechtungen von Genderrechten. Ich selber habe mich zuletzt vor allem mit den intersektionalen Dimensionen der Anfechtungen von „Gender“ befasst, mit den Parallelen von rechtspopulistischen Logiken, mit Männlichkeit im rechten Diskurs und Medienlogiken und mit rechten Frauen.
Was ist eine Erkenntnis, die Leser*innen nach der letzten Seite Ihres Buches mitnehmen sollten?
Rechte waren nie universell gültig, sie mussten erkämpft werden, wie zum Beispiel das Wahlrecht für Frauen. Zurzeit stehen auch Rechte und Normen, die wir für selbstverständlich gehalten haben, unter Beschuss, und die Dämonisierung von „Gender“ dient der antiliberalen Mobilisierung. Wie müssen aufmerksam sein und verstehen, was passiert, um diese Rechte verteidigen zu können. Es steht viel auf dem Spiel.
Wenn Ihr Impact ein Satz wäre – wie würde er lauten?
Frauen- und Genderrechte sind fundamental für den Fortbestand pluraler und offener Demokratien, das Thema geht alle an, die für emanzipatorische Werte stehen und das Abdriften in Autoritarismus verhindern wollen.