Ein Blick ins Buch: Die Gefühlswelten hinter dem globalen Aufstieg rechter Massenbewegungen – Alejandro Grimson

8. Oktober 2026 5 Min. Lesezeit

„Warum stimmen Menschen gegen ihre eigenen Interessen?“

Auf den ersten Blick scheint die Frage eine einfache Antwort nahezulegen: Vielleicht sind Menschen schlecht informiert, lassen sich täuschen oder handeln schlicht irrational. Doch was wäre, wenn Menschen gar nicht gegen ihre eigenen Interessen stimmen? Was, wenn vielmehr wir zu wenig darüber wissen, welche Interessen, Erfahrungen und Vorstellungen für sie tatsächlich entscheidend sind? Mit diesem scheinbar einfachen, aber durchaus weitreichenden Perspektivwechsel eröffnet Alejandro Grimson die komplizierte Thematik der wachsenden Wählerschaft der extremen Rechten und trifft damit einen Nerv unserer politischen Gesellschaft.

In seiner spanischsprachigen Publikation Los paisajes emocionales de las ultraderechas masivas ¿La gente vota contra sus intereses? (dt.: Die emotionalen Landschaften der extremen Rechten), die kürzlich bei Bielefeld University Press in deutscher Übersetzung erschien, richtet der argentinische Professor und Anthropologe den Blick auf die weltweite Zunahme rechtsextremer und rechtsradikaler Massenbewegungen. Seine Analyse reicht bis zu den Entwicklungen des Jahres 2024 und führt von Argentinien über die USA und Europa zu grundlegenden Fragen darüber, wie politische Wirklichkeit in unterschiedlichen Gesellschaften wahrgenommen, gedeutet und emotional verarbeitet wird.

Während diese Thematik bereits zahlreich auf vielfältigste Weise wissenschaftlichen Analysen unterzogen wird, eröffnet Grimson einen anthropologischen, gegen die Standardisierung der politischen Verurteilung gerichteten Ansatz. Der Kern seiner Argumentation beruht dabei vor allem auf einer unabdingbaren Notwendigkeit: einem Perspektivwechsel. Statt das Wahlverhalten rechter Wählerinnen und Wähler vorschnell als irrational, uninformiert oder gegen die eigenen Interessen gerichtet zu betrachten, fragt Grimson stattdessen: Was wählen Menschen? Warum erscheint ihnen diese politische Entscheidung aus ihrer eigenen Perspektive sinnvoll? Welche Erfahrungen, Wahrnehmungen, Emotionen und Bedeutungszuschreibungen stehen hinter ihren politischen Entscheidungen? Und: Wählen Menschen tatsächlich gegen ihre eigenen Interessen?

„Wir müssen verstehen, was wir ablehnen.“ – Dieser Satz wird zu Grimsons zentraler Leitmaxime. Verstehen bedeutet dabei nicht, politische Positionen von rechtsaußen durch rationale Nachvollziehbarkeit gutzuheißen. Es bedeutet vielmehr, die konkreten, unmittelbaren Bedingungen zu untersuchen, unter denen bestimmte politische Deutungen bei Wähler*innen überhaupt plausibel und mobilisierbar werden können und nicht von vornherein mit Ablehnung und Verurteilung an diese gesellschaftlichen Zustände heranzugehen.

Ein zentraler Aspekt seiner Analyse ist der titelgebende Begriff der emotionalen Landschaften. Der Anthropologe versteht darunter eine spezifische historische Konstellation, innerhalb derer Emotionen, Wahrnehmungen und Formen der Bedeutungsstiftung miteinander verbunden sind. Er beschreibt eine Verbindung aus Wut, Ressentiment, Angst und enttäuschter Nostalgie. Diese erläuternd geht Grimson auf die Bedingungen ein, unter denen sich diese Begebenheiten zu politischen Massenbewegungen verdichten können. In einer von Unsicherheit geprägten Gegenwart können politische Bewegungen, die einfache Erklärungen, klare Verantwortliche und eindeutige Zugehörigkeiten anbieten, eine besondere Anziehungskraft entwickeln.

Doch wie werden diese Ausgangslagen konkret von rechtsradikaler Politik genutzt, und wie reagiert die Gesellschaft darauf? Grimson erläutert, wie das Versagen etablierter Parteien bei der Bewältigung sozialer Nöte das Vertrauen in die Demokratie erodieren lässt und den Raum für autoritäre Alternativen öffnet. Die extreme Rechte kanalisiert diese Unzufriedenheit, indem sie die Grenzen des demos verengt (Nativismus, Fremdenfeindlichkeit, Aporophobie) und gesellschaftliche Polarisierung schürt. Grimson führt vor allem die Verschiebung zwischen vertikalen und horizontalen Ungerechtigkeitswahrnehmungen in der Gesellschaft an: Während politische Mobilisierung traditionell häufig auf den Gegensatz zwischen „oben“ und „unten“ fokussiert, rücken zunehmend wahrgenommene Ungerechtigkeiten zwischen gesellschaftlichen Gruppen auf derselben Ebene in den Mittelpunkt. Dadurch werden Fragen der sozialen Verteilung zugleich zu Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Status.

Der zu beobachtende globale Aufstieg der extremen Rechten, detailliert dargelegt am Beispiel der Machtergreifung Javier Mileis in Argentinien, Trumps in den USA, Melonis in Italien sowie Bolsonaros in Brasilien, könne laut Grimson Ausdruck eines langfristig stattfindenden kulturellen Wandels der politischen Situationen weltweit sein.

Wie könnte man diesem wirkungsvoll entgegentreten? Zentral für seine Argumentation ist dabei die affektiveWende. Grimson versteht Emotionen nicht als Gegensatz zu rationalem politischem Handeln. Vielmehr sind Affekte und Rationalität miteinander verbunden: „Es gibt keine Politik ohne die Zirkulation von Affekten. Es gibt nicht einmal Vernunft oder Rationalität ohne Affektivität.“ Damit richtet sich sein Blick auf einen Bereich politischer Entscheidungsprozesse, der in klassischen ökonomischen oder rational-choice-orientierten Erklärungen häufig weniger Beachtung findet: die emotionale Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Somit sind Emotionen innerhalb politischer Meinungsbildung nicht unbedingt negativ zu bewerten, sie sind vielmehr allgegenwärtig: „Wenn es der extremen Rechten gelungen ist…die systemfeindlichen Leidenschaften von Millionen von Menschen zu mobilisieren…dann deshalb, weil diese Gefühle existieren.“ Die Aufgabe einer demokratischen Gesellschaft besteht aus dieser Perspektive zunächst darin, diese Gefühle und ihre Entstehungsbedingungen wirklich zu verstehen.

Vielleicht muss die Ausgangsfrage deshalb neu gestellt werden: Nicht Warum stimmen Menschen gegen ihre eigenen Interessen?, sondern Welche Interessen sehen sie für sich, welche Emotionen gehen in ihnen vor, und warum erscheint ihnen eine bestimmte politische Antwort darauf plausibel? Genau hier setzt Grimsons detaillierte Publikation auf rund 200 Seiten im Kern an. Seine Verbindung von aktueller Empirie und anthropologischer Theorie macht die Publikation besonders interessant für Leserinnen und Leser, die sich mit gegenwärtigen politisch einschneidenden Veränderungen, besonders mit dem drastischen Anstieg rechter Wählerschaften und ihren Emotionen beschäftigen und sie tiefergehend verstehen möchten.

Alejandro Grimson ist Professor für Zeitgenössische Anthropologische Theorien an der Universidad Nacional de San Martín und Principal Investigator des argentinischen Forschungsrats CONICET. An der Universidad Nacional de San Martín leitet er das Promotionsprogramm für Sozialanthropologie und steht dem Doctoral College vor. Von 2005 bis 2014 war er Dekan des Instituto de Altos Estudios Sociales (IDAES) der UNSAM.

Für seine wissenschaftliche Arbeit wurde Grimson mehrfach ausgezeichnet. 2012 erhielt er für Los límites de la Cultura den Preis der Latin American Studies Association für das beste iberoamerikanische Buch. Darüber hinaus wurde er mit dem FELAFACS-Preis für die beste Dissertation im Bereich Kommunikationswissenschaft sowie mit dem Bernardo-Houssay-Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Von 2017 bis 2020 war Grimson Regionaldirektor des CALAS für den Cono Sur und Brasilien. Anschließend wurde er unter der Regierung von Alberto Fernández zum Präsidialberater berufen.

Autorin: Jennifer Nüchter