Verlagsdirektorin Sabrina Diab-Helmer in der DUZ Wissenschaft & Management 04/2026
Wie stark entscheidet der Verlagsname über die wissenschaftliche Reputation?
Zwei Monografien liegen einer Berufungskommission vor. Beide behandeln eine zentrale Forschungsfrage, beide wurden begutachtet, sorgfältig lektoriert und dauerhaft zugänglich gemacht. Die eine ist bei einem großen, marktmächtigen Verlagshaus erschienen, die andere bei einem jungen Universitätsverlag. Welche wird als gewichtiger wahrgenommen? An vielen Hochschulen dürfte die ehrliche Antwort noch immer lauten: die erste. Das liegt nicht zwingend an ihrem höheren wissenschaftlichen Gehalt, sondern daran, dass der etablierte Verlagsname als vertrautes Qualitätssignal wirkt.
Dieser Frage geht Sabrina Diab-Helmer, Verlagsdirektorin der Bielefeld University Press, in ihrem Beitrag „Der Verlagsname als Karrierefaktor“ in der aktuellen Oktober-Ausgabe der DUZ Wissenschaft & Management nach.
Ihre Analyse setzt bei einem grundlegenden Widerspruch des Wissenschaftssystems an. Hochschulen investieren in eigene Publikationsinfrastrukturen, bekennen sich zu Open Science und zu einer verantwortungsvollen, inhaltsbezogenen Forschungsbewertung. In Karriereverfahren belohnen sie aber häufig weiterhin das symbolische Kapital etablierter Verlagsmarken. Diab-Helmer zieht dazu eine Parallele: Was bei Zeitschriftenartikeln der Journal Impact Factor ist, kann bei Monografien der Verlagsname sein. Er ist ein schnell verfügbares, aber nur begrenzt aussagekräftiges Ersatzsignal für Qualität. Genau solche Stellvertreterindikatoren kritisieren DORA, das Leiden Manifesto und das CoARA-Agreement seit Jahren.
Dabei bestreitet der Beitrag nicht, dass das Renommee etablierter Verlage auf realen Leistungen beruht. Dazu zählen profilierte Reihen, erfahrene Lektorate, internationale Netzwerke und weltweite Distribution. Problematisch wird Reputation aber dort, wo sie nicht mehr eingeordnet, sondern als pauschales Urteil über die Qualität eines konkreten Werkes herangezogen wird. Wie wenig belastbar solche Zuschreibungen sein können, zeigt die internationale Forschung. Derselbe Verlag kann in einem Land als prestigeträchtig gelten und in einem anderen deutlich niedriger eingestuft werden, mitunter ändert sich die Einschätzung sogar von Jahr zu Jahr.
Für Deutschland wertet Diab-Helmer exemplarisch öffentlich zugängliche Berufungsleitfäden von zehn Universitäten aus. Sie stößt dabei auf eine institutionelle Leerstelle: Die Leitfäden formulieren den Anspruch einer qualitativen Bewertung. Keiner von ihnen regelt jedoch ausdrücklich, welche Rolle die Reputation eines Verlags bei der Beurteilung von Monografien spielen darf.
Die Folgen treffen vor allem Wissenschaftler:innen in frühen Karrierephasen. Wer sich auf eine erste Professur bewirbt, muss antizipieren, wie eine Kommission nicht nur die eigene Arbeit, sondern auch deren Publikationsort bewertet. So entsteht ein Fehlanreiz. Ausgerechnet diejenigen, deren Publikationsentscheidungen für den Erfolg von Diamond Open Access besonders wichtig wären, haben die stärksten Gründe, auf bekannte Marken zu setzen. Daran ändert auch die nachweislich größere Reichweite offen zugänglicher Bücher nichts. Ob Reichweite zu Reputation wird, entscheidet das Bewertungssystem.
Der Beitrag macht deutlich: Eine vom Verlagsprestige unabhängige Forschungsbewertung ist nicht nur eine Frage der Fairness. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen der Open-Access-Transformation. Am Ende steht eine wissenschaftspolitische Frage: Welche Reformen braucht es, damit die Wissenschaft nicht nur den Zugang zu ihren Publikationen gestaltet, sondern auch die Mechanismen, durch die Reputation entsteht und karrierewirksam wird?
Der Artikel ist in der DUZ Wissenschaft & Management 04/2026 (S. 76–80) erschienen und jetzt im Open Access frei verfügbar.