Perspektiven von Frauen in der Wissenschaft mit Dr. Sonja Gasser
Eine Frau. Eine Publikation. Ein Impact.
Für den vierten Beitrag unserer Interview-Reihe haben wir mit Sonja Gasser gesprochen. Sie ist promovierte Kunsthistorikerin mit den Forschungsschwerpunkten Gegenwartskunst und digitale Kunstgeschichte. Ihre Monografie Transformative Digital Collections of Art – Data in Museums and Digital Art History untersucht ausgehend von digitalen Sammlungen, welche Auswirkungen digitale Bilder und Metadaten auf Museen und die Kunstgeschichte haben. Sie betont, wie wichtig digitale Kompetenzen und ein technologisches Verständnis sind, um Kunst zu repräsentieren, Nutzer*innen anzusprechen und mit digitalen Methoden zu forschen. Mit Hinweisen auf zahlreiche Praxisbeispiele, nachnutzbare Datensätze und Tools ist ihre Publikation ein zentrales Orientierungswerk für Kunsthistoriker*innen, Museumsfachleute und den GLAM-Sektor (Galerien, Bibliotheken, Archive und Museen).
Frau Gasser, wann haben Sie gemerkt: Das ist mein Thema?
Beim Abschluss meines Kunstgeschichtsstudiums 2011 war für mich klar, dass Sammlungsdaten und digitale Technologien weit mehr können als das, was Museen für ihre Sammlungen online nutzen. Digitalisierung ist dann vielversprechend, wenn es um mehr geht als um einen Transfer von Inhalten, wie sie einst in gedruckten Sammlungskatalogen veröffentlicht wurden, in eine laufend erweiterbare und durchsuchbare Datenbank. Aufzuzeigen, was digitale Sammlungsplattformen ermöglichen, war der Bereich, in dem ich mich beruflich einbringen wollte. Um damals schon in diesem Bereich Fuß fassen zu können, fehlte sowohl in den Museen als auch in der Kunstgeschichte weitgehend das Bewusstsein für die Beschäftigung mit digitalen Sammlungen – jedenfalls im deutschsprachigen Raum. Das war die Motivation für meine Publikation: mich vertieft mit dieser Thematik auseinandersetzen zu können. Interessant war, parallel zur Arbeit am Buch mitzuverfolgen, wie sich mit dem Aufkommen der Digital Humanities und der digitalen Transformation an Museen die Strukturen, die mir zunächst gefehlt hatten, allmählich zu entwickeln begannen. Inzwischen beschäftigt das Thema viele Sammlungsinstitutionen und ist dementsprechend sehr gefragt. Das zeigt sich am Interesse am Buch, an weiteren Publikationen und an einer inzwischen realisierten und stetig weiterzuentwickelnden digitalen Sammlungsplattform. Zahlreiche Einladungen zu Vorträgen und der direkte Austausch mit der Fachcommunity auf universitärer und musealer Ebene verdeutlichen, wie präsent das Thema inzwischen in der Fachwelt ist.
Was ist eine Erkenntnis, die Leser*innen nach der letzten Seite Ihres Buches mitnehmen sollten?
Digitale Sammlungen sind ein weitaus komplexeres Thema, als man denkt. Kunst zugänglich zu machen und zu vermitteln, ist, meiner Ansicht nach, eine Aufgabe, der Museen auch im digitalen Raum professionell nachkommen müssen. Die Museen sind gefragt, sich digitale Technologien zu eigen zu machen, um ihre Sammlungen im digitalen Raum zu repräsentieren und digitale Angebote zu schaffen, die sowohl ein breites Publikum als auch Wissenschaftler*innen ansprechen. Durch digital vorliegende Sammlungen und digitale Technologien stehen der Kunstgeschichte und anderen geisteswissenschaftlichen Fächern digitale Quellen zur Verfügung, die mit digitalen Methoden und Werkzeugen erforscht werden können. Das bedingt wiederum, dass Museen die Informationen und Bilder der Sammlungsobjekte so zur Verfügung stellen, dass diese Daten nachnutzbar sind. Bei den Nutzer*innen digitaler Sammlungen gilt es, ein weitaus breiteres Spektrum als nur Museumsbesucher*innen ins Auge zu fassen. Denn erreicht werden genauso Wissenschaftler*innen und Personen mit Programmierkenntnissen, die weiterreichende Bedürfnisse haben als das, was ihnen das Museum vorgibt. Mit meinem Buch möchte ich sowohl Museen als auch Wissenschaftler*innen für verschiedene Aspekte sensibilisieren, die mit digitalen Sammlungen verbunden sind. Es lohnt sich, weiterzudenken: Wie kann über eine Datenbanksuche hinaus mit Sammlungsdaten gearbeitet werden? Wie können Zugänge geschaffen werden? Und wie kann der digitale Raum mit digitalen Methoden und Technologien angeeignet werden, um Einblicke in Sammlungen und Erkenntnisse zu ermöglichen, die im physischen Raum nicht möglich sind?
Wenn Ihr Impact ein Satz wäre – wie würde er lauten?
Digitale Sammlungen sind ein wichtiges Thema und benötigen als vielschichtiges und anspruchsvolles Tätigkeitsgebiet Aufmerksamkeit, Kompetenz und Ressourcen.